Qualitätsdiskussion in Deutschland: Gleichung mit zwei Unbekannten

24. Sep. 2014

Hamburg, 24. September 2014 – Mindestens jeder fünfte Patient versteht nicht, was Ärzte und Pflegekräfte auf wichtige Fragen antworten. 16% der Patienten werden zwar im Vorfeld über die Risiken einer Narkose oder OP aufgeklärt, können aber nicht einordnen, was ihnen gesagt wurde. Das sind ausgewählte Ergebnisse des Picker Reports 2014, der jetzt vorgelegt wurde. In der Untersuchung ist das Institut der Frage nachgegangen, welchen Einfluss Patienten- und Mitarbeitererfahrungen auf die Qualität und Sicherheit der Gesundheits-versorgung haben. Die Rückmeldungen von fast 140.000 Patienten, 11.000 Pflegekräften und rund 5.000 Ärzten offenbaren zum Teil erschreckende Ergebnisse – mit schwerwiegenden Folgen für die Qualität und Sicherheit der Patientenversorgung in deutschen Kliniken.

Picker Report 2014

Mit den jetzt vorgestellten Daten unterstreicht das Institut seine Kritik an der aktuellen gesundheitspolitischen Qualitätsdiskussion. „Auch die beste Initiative für mehr Qualität
und Sicherheit wird ergebnislos verpuffen, wenn sie die Erfahrungen der wichtigsten Stakeholder – Patienten und Mitarbeiter – nicht berücksichtigt,“ so Maria Nadj-Kittler, Managing Director des Picker Instituts Deutschland.

So ist nach Ansicht der Picker-Direktorin auch die Einbeziehung sogenannter patientenrelevanter Endpunkte (patient reported outcomes, PRO), wie sie beispielsweise durch das neue Qualitätsinstitut für Gesundheit geplant ist, allein nicht zielführend. Das Problem der PROs: Weil sie sich jeweils nur auf eine bestimmte Erkrankung oder Intervention beziehen, ermöglichen sie kein umfassendes Qualitätsurteil. „Während patientenrelevante Endpunkte, wie es der Name ja schon impliziert, auf die Qualität der Behandlungsergebnisse fokussiert, geben Patientenerfahrungen wichtige Hinweise auf
die Qualität der Prozesse. Nur, wer auch weiß, wie Patienten die Prozesse im Krankenhaus faktisch erlebt haben, kann eine schonungslose Bestandsaufnahme der Versorgungsrealität vornehmen“, so Nadj-Kittler.

Fachchinesisch, Personalkarussell, Kommunikationspannen: Realität in deutschen Krankenhäusern

Vor allem in den Bereichen Kommunikation und Entlassmanagement offenbart der Report dramatische Defizite. Obwohl längst bekannt ist, dass Patienten, die die Informationen zu ihrer Erkrankung und Behandlung verstanden haben, besser in der Lage sind, sachdienliche Angaben zu ihren Beschwerden zu machen, sich eher gesundheitsdienlich verhalten und eine bessere Therapietreue und damit bessere Behandlungsergebnisse haben, fehlt es nach Einschätzung des Instituts bislang am Willen oder Mut zur Veränderung.

So klagen viele Patienten darüber, dass sie während ihres stationären Aufenthaltes keinen festen Ansprechpartner hatten, der vollständig über ihre Krankheit, Diagnostik und Therapie informiert war. In der vorliegenden Untersuchung berichtet etwa jeder dritte Patient, dass er keinen festen ärztlichen Ansprechpartner hatte. Neben der psychischen Belastung, die eine solche Einschätzung mit sich bringt, steigt mit der Anzahl der betreuenden Fachkräfte auch die Wahrscheinlichkeit, dass Patienten unterschiedliche, im schlimmsten Fall sogar widersprüchliche Informationen erhalten. Letzteres war in der vorliegenden Untersuchung bei 17% der Patienten der Fall.

Auch an der kritischen Schnittstelle der Entlassung aus dem Krankenhaus sind Kommunikationsmängel offenbar eher die Regel als die Ausnahme. So zeigt der aktuelle Report, dass mit knapp einem Fünftel der Patienten gar kein Entlassgespräch geführt wird. Doch auch wenn es geführt wird, fühlen sich fast 30% der Patienten nicht ausreichend über die häusliche Medikation informiert, mit Blick auf die Nebenwirkungen sind es sogar fast zwei Drittel (63%). Dies ist umso dramatischer, als Medikationsfehler zu den häufigsten vermeidbaren unerwünschten Ereignissen zählen und mit großen Sicherheitsrisiken für die Patienten verbunden sind.

Im Zentrum der Mitarbeiter-Kritik: Schlechte Übergaben, ineffiziente Besprechungen und Mängel im Informationsfluss

Nicht nur Patienten sind bereit und fähig, über qualitäts- und sicherheitsrelevante Ereignisse in der Gesundheits-versorgung zu berichten – auch Pflegekräfte und Ärzte. In der Picker-Untersuchung erlebten mehr als ein Viertel (27%) der Pflegekräfte und über ein Drittel (37%) der Ärzte die Übergabe als ineffizient und unstrukturiert. Ähnliches gilt für eine weitere wichtige Informations-Schnittstelle, die Besprechungen. Hier ist der Verbesserungsbedarf aus Sicht der Mitarbeiter sogar noch höher. Knapp ein Fünftel der Pflegekräfte und Ärzte (19 bzw. 17%) berichtet, dass es für sie schwierig ist, aktuelle Informationen über Gesundheitszustand, Behandlung oder Testergebnisse der Patienten zu erhalten. Des Weiteren wird ein Drittel der Pflegekräfte (33%) nicht rechtzeitig über Aufnahmen, Entlassungen oder Verlegungen informiert.

„Patientenerfahrungen sind ein wichtiger Indikator für die Messung von Qualität in den Versorgungsprozessen“, resümiert Picker-Direktorin Nadj-Kittler. „Gute Patientenerfahrungen, eine hohe medizinische Versorgungsqualität und Patientensicherheit stellen keinen Zielkonflikt dar, sondern sind verschiedene Seiten derselben Medaille: Patienten, die gut betreut wurden, beteiligen sich stärker an ihrer Behandlung und Gesunderhaltung, sie zeigen eine höhere Therapietreue und erzielen bessere Behandlungsergebnisse. Trotzdem herrscht bei Entscheidungsträgern in Politik und Selbstverwaltung hierzulande nach wie vor der Glaube, Qualität könne allein durch die Erhebung klinischer Outcomes gemessen werden. Für alle Patienten in Deutschland ist das kein gutes Signal“, so Nadj-Kittler.

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Die Vollversion des Picker Report 2014 stellt das Picker Institut der Presse und weiteren Interessenten gegen eine Schutzgebühr in Höhe von 25,00 Euro (PDF), bzw. 35,00 Euro (Printexemplar) zur Verfügung. Die Vollversion kann über das Kontaktformular angefordert werden.